„Ich schaffe das alleine“ – Warum es uns so schwerfällt, Hilfe anzunehmen
Warum wiederholen wir Beziehungsmuster, obwohl wir es eigentlich besser wissen?
Warum fällt es uns so schwer, Hilfe anzunehmen, Grenzen zu setzen oder uns wirklich zu zeigen – selbst in liebevollen Partnerschaften?
In der HerLifestyle-Kolumne "Schatz, das kommt von früher." verbindet Coachin, systemische Therapeutin (i.A. - DGSF) und Generation Code®-Expertin Julia Kern-Holecki psychologisches Fachwissen mit ehrlichen Alltagsgeschichten. Ausgangspunkt sind kleine, oft humorvolle Szenen aus dem echten Leben – Paarmomente, Reibungspunkte, Missverständnisse.
Dahinter öffnet sich der Blick auf das, was tiefer wirkt: transgenerationale Prägungen, epigenetische Weitergaben, unbewusste Loyalitäten und alte Schutzprogramme, die unser heutiges Verhalten beeinflussen.
Die Kolumne lädt ein, Muster zu erkennen, Zusammenhänge zu verstehen und neue innere Spielräume zu öffnen – ohne Schuldzuweisung, ohne Dogma, aber mit Tiefe, Haltung und einem Augenzwinkern.
Psychologie, die berührt. Geschichten, die bleiben. Impulse, die etwas verändern dürfen.

von Julia Kern-Holecki
Julia Kern-Holecki ist Coachin, Systemische Therapeutin (i.A. – DGFS) und Expertin für transgenerationale Prägungen und der Arbeit mit dem Generation-Code Methode. In ihrer Arbeit begleitet sie Einzelpersonen, Paare, Gruppen und Teams dabei, unbewusste Muster, familiäre Loyalitäten und emotionale Altlasten sichtbar zu machen – und neue, selbstbestimmte Wege zu gehen. Als HER-Kolumnistin verbindet sie ihr therapeutisches Wissen mit echten Geschichten aus dem Leben.
- Schatz, wenn's dir gut tut, mach gerne diesen Ahnenkram
- Warum wir glauben, alles alleine schaffen zu müssen
- Das Schutzprogramm dahinter
- Reflexionsfragen
- Über die Autorin
In diesem ersten Teil der Kolumne erzählt Generation Code®-Expertin Julia Kern-Holecki von kleinen Paarmomenten mit großer Wirkung und davon, was unsere Beziehungen mit den Geschichten unserer Eltern und Großeltern zu tun haben. Persönlich, psychologisch fundiert und immer mit einem Impuls zur Selbstreflexion.
Schatz, wenn's dir gut tut, mach gerne diesen Ahnenkram
„Ich kann das alleine!“ Warum es uns so schwerfällt, Hilfe anzunehmen
TL;DR: Vor ein paar Wochen rief mich meine beste Freundin Lea an. Sie erzählte mir, wie sie gestern nach Hause kam: zerzaustes Haar, links die Einkäufe, rechts den Laptop, unter dem Arm die Post, ein Schal und ein Paket, das ihr der Postbote noch schnell in die nicht vorhandene freie Hand gedrückt hatte, damit er nicht in den vierten Stock laufen musste.
Sie stemmte die Tür auf, die wie immer an den XXL-Sneakern ihres Mannes stockte, stolperte halb über ihre eigenen Füße und fluchte so kreativ, dass sie sich selbst beeindruckte.
Und da saß er. Auf dem Sofa. Ihr Mann. Mit der gelassenen Selbstverständlichkeit eines Zen-Meisters, der gerade zum dritten Mal an diesem Tag inneren Frieden gefunden hat. Er strahlte sie an – im Sitzen. Lea wartete. Er strahlte weiter – weiter im Sitzen. Sie wartete weiter. Dann segelte die Post – fast in Zeitlupe – zu Boden, wie eine dramatische Bühnengeste.
„Brauchst du Hilfe, Schatz?“, fragte er schließlich – fünf Sekunden bevor Leas innerer Vulkan ausbrach. „NEIN! Jetzt nicht mehr! Ich schaff das alleine! Immer!“, fauchte sie.
Natürlich kann sie alles alleine. Das ist ja das Problem.
„Okay“, sagte er und lehnte sich entspannt zurück. Ein Ehemann, der seine Frau beim Wort nimmt, ist in einer romantischen Paarbeziehung absolut fehl am Platz.
„Weißt du, Jule…“, sagte sie später zu mir, „ich sag immer, ich mach alles alleine. Und gleichzeitig bin ich sauer, dass es stimmt.“
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Warum wir glauben, alles alleine schaffen zu müssen
Viele Frauen, die ich in meiner Arbeit begleite, sagen Sätze wie „Ich mach das (noch) schnell“, „Ist egal, ich kümmere mich drum“, „Alleine geht’s schneller“, „Ich will niemandem zur Last fallen“, „Ich kann das besser als mein Mann“, „Ich will den Kindern das abnehmen.“ Diese Sätze wirken harmlos, fast selbstverständlich. Aber oft sind sie Erbstücke und leider nicht die funkelnden.
In meiner Arbeit mit der Generation Code®-Methode – von Sabine Lück und Ingrid Alexander – schauen wir genau auf solche Sätze. Welche Loyalitäten tragen wir weiter, ohne es zu merken? Welche Aufträge haben wir übernommen – aus Liebe, aus Treue, aus einem alten „Ich halte das schon aus“? Es geht nicht um Schuld. Sondern um Sichtbarkeit. Denn was sichtbar wird, kann sich verändern.
Unsere Ahninnen hatten keine Wahl. Sie zogen Kinder groß, während Männer im Krieg waren, führten Haushalte ohne Unterstützung, überlebten Armut, ertrugen Verletzungen – emotional wie physisch, hatten kaum Raum für ihre Bedürfnisse und funktionierten, weil es keine Alternative gab. „Ich brauche Hilfe“ war kein Satz, der ihnen zur Verfügung stand.
Wenn wir heute sagen: „Ich schaffe das allein“, und innerlich eigentlich etwas anderes brauchen oder uns wünschen, sprechen wir nicht nur für uns. Wir sprechen für Generationen von Frauen, die diesen Satz brauchten, um durchzukommen. Es ist eine transgenerationale Loyalität – ein stiller Vertrag: „Ich mache es wie ihr. Ich halte durch. Ich falle niemandem zur Last.“

Das Schutzprogramm dahinter
Unser Nervensystem erinnert sich an Zeiten, in denen Abhängigkeit riskant war. An Frauen, die alleine waren. An Frauen, die durchhalten mussten. An Frauen, die sich nur auf sich selbst verlassen konnten. Und auch wenn unsere Realität heute anders aussieht – unser inneres System folgt oft noch der alten Dynamik und der vergangenen Geschichte.
Der Generation Code® hilft dabei, diese Geschichte und die unbewussten Muster sichtbar zu machen. Wir beginnen damit, das Leben unserer Mütter, Groß- und Urgroßmütter (genauso wie das unserer Väter) zu verstehen: Was mussten sie tragen? Wie viel Verantwortung lastete auf ihnen? Welche Verletzungen hatten keinen Raum?
Danach erkennen wir die unbewussten Treueversprechen, die wir unbewusst übernommen haben: Ich beschwere niemanden. Ich trage die Last. Ich bin die Starke. Ich brauche nichts. Ich halte alles zusammen. Um diese Loyalität tragen zu können, geben wir unbemerkt etwas auf.
Ein weiterer Schritt des Generation Codes ist, dass wir uns vorstellen, was und wie es für uns und unsere Geschichte ideal gewesen wäre: Was hätten meine Ahnen gebraucht? Was hätte ich gebraucht? Wer hätte mich halten sollen? Und dann holen wir uns zurück, was uns gehört: unsere Stimme, unser Herz, unsere Bedürfnisse, unsere Gefühle, unser inneres Leuchten.
Reflexionsfragen
- Welche Frau deiner Familie hat viel alleine getragen?
- Worin sollen es deine Kinder mal leichter oder besser haben als du?
- Was hätte sie gebraucht – aber hat es nie bekommen?
Später am Abend erzählte Lea, saß sie endlich auf dem Sofa – ohne Pakete, ohne Einkäufe, ohne Drama. Nur sie und die Erschöpfung mehrerer Generationen.
Ihr Mann kam aus der Küche, stellte kommentarlos eine Tasse Tee vor sie hin und setzte sich daneben. Er musterte sie vorsichtig. So, wie Männer schauen, wenn sie nicht wissen, ob sie gerade trösten, schweigen oder fliehen sollen.
„Du warst heute… äh… gestresst?“, fragte er schließlich. „Nein“, sagte Lea ruhig. „Ich habe nur mal kurz den gesamten Schmerz meiner Ahninnen rausgelassen.“
Er nickte langsam. Zu langsam. Man konnte förmlich sehen, wie sein inneres Betriebssystem ein Update suchte. „Aha“, sagte er dann. Pause. Noch eine Pause.
„Also … Schatz … wenn’s dir gut tut …“ Er räusperte sich. „… mach gerne diesen Ahnenkram.“
In Teil 2 & 3 der Kolumne geht es weiter mit: Lea. Mir. Und dem Ahnenkram.
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Über die Autorin
Julia Kern-Holecki ist Coachin, Systemische Therapeutin (i.A. – DGFS) und Expertin für transgenerationale Prägungen und der Arbeit mit der Generation-Code Methode. In ihrer Arbeit begleitet sie Einzelpersonen, Paare, Gruppen und Teams dabei, unbewusste Muster, familiäre Loyalitäten und emotionale Altlasten sichtbar zu machen – und neue, selbstbestimmte Wege zu gehen.
Links: www.julia-kern.com
https://www.coaching-magazin.de/konzepte/transgenerationales-coaching
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