Warum die Liebe uns immer wieder in die Vergangenheit katapultiert

„Jetzt übertreib nicht.“ Ein Satz und plötzlich ist da mehr als nur dieser Moment.

In der HerLifestyle-Kolumne "Schatz, das kommt von früher." verbindet Coachin, systemische Therapeutin (i.A. – DGSF) und Generation Code®-Expertin Julia Kern-Holecki psychologisches Wissen mit ehrlichen Momentaufnahmen aus dem Alltag. Es geht um Bindung. Um Schutzstrategien. Und um die Frage: Was gehört wirklich ins Hier und Jetzt und was kommt von früher?

Warum wir bei scheinbar kleinen Situationen plötzlich stark reagieren. Warum Rückzug und Nähe so oft aneinander vorbeigehen. Und warum es in Wahrheit selten um das Handy, den Tonfall oder den Streit selbst geht.

Julia Kern-Holecki

von Julia Kern-Holecki

Julia Kern-Holecki ist Coachin, Systemische Therapeutin (i.A. – DGFS) und Expertin für transgenerationale Prägungen und der Arbeit mit der Generation-Code® Methode®. In ihrer Arbeit begleitet sie Einzelpersonen, Paare, Gruppen und Teams dabei, unbewusste Muster, familiäre Loyalitäten und emotionale Altlasten sichtbar zu machen – und neue, selbstbestimmte Wege zu gehen. Als HER-Kolumnistin verbindet sie ihr therapeutisches Wissen mit echten Geschichten aus dem Leben.

03. April 2026 5 Minuten

Warum die Liebe uns in die Vergangenheit katapultiert

TL;DR: Im dritten Teil der HerLifestyle-Kolumne „Schatz, das kommt von früher.“ zeigt Coachin, systemische Therapeutin (i.A. – DGSF) und Generation Code®-Expertin Julia Kern-Holecki, warum uns gerade in Liebesbeziehungen alte Gefühle einholen.

Liebe katapultiert uns manchmal in die Vergangenheit. (KI-Bild)
Liebe katapultiert uns manchmal in die Vergangenheit. (KI-Bild)

Ein Moment, der alles verändert.

 

Neulich rief mich Lea wieder an. Ich wusste sofort: Es ist nichts Dramatisches – und gleichzeitig doch.
„Er hat einfach aufs Handy geschaut“, sagte sie. „Während ich ihm von meinem Tag erzählt habe. Und irgendwann bin ich dann echt eskaliert.“

Wegen eines Handys? Oder vielleicht auch nicht.

Sie kam erschöpft nach Hause. So ein Tag, an dem man nicht mehr funktionieren will. Sondern einfach nur gehalten werden möchte. Er saß auf dem Sofa, das Handy in der Hand, sah auf, lächelte: „Hey, hey.“

Sie setzte sich zu ihm. Erzählte von diesem schrecklichen Tag. Von der unorganisierten Chefin, vom meckernden Kunden. Von diesem Moment, in dem sie sich unsicher und überfordert fühlte.

Er nickte. „Hmhmmm.“ Und scrollte. Nicht böse oder absichtlich – einfach nur so.

Und dann wurde sie schärfer, als sie eigentlich wollte: „Kannst du bitte das Handy weglegen, wenn ich dir etwas erzähle?“

Er schaute irritiert hoch. „Ich hör dir doch zu.“ Und dann kippte etwas in ihr. „Nein, das tust du nicht“, sagte sie. „Ich will, dass du da bist und mich ansiehst.“

Er legte das Handy weg. Und sagte diesen Satz: „Jetzt bitte nicht noch Drama. Ich hatte auch einen anstrengenden Tag.“

Stille. Und in dieser Stille lag viel.

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„Mach kein Drama“ und was wirklich gemeint ist

 

Denn „Mach kein Drama“ bedeutet selten nur: „Bleib sachlich.“ Es kann sich anfühlen wie: Du bist zu viel und deine Gefühle sind zu viel.

Und genau das passierte bei Lea, und sie wurde lauter. Und er stiller: „Ich sag jetzt lieber gar nichts mehr“, sagte er schließlich und ging aus dem Zimmer. Und Lea fing an zu weinen.

Und plötzlich fühlte sie sich wieder allein – in ihrer eigenen Beziehung.

Und es ging nie wirklich um das Handy.

Liebe ist seltsam. Sie macht uns stark – und gleichzeitig unfassbar verletzbar. Wir können Unternehmen führen, Familien organisieren, Krisen managen. Und dann bringt uns ein nicht erwiderter Blick komplett aus dem Gleichgewicht.

Weil tiefe Nähe etwas in uns aktiviert, das älter ist als wir selbst.

Was hier wirklich passiert

 

In solchen Momenten reagieren wir nicht nur auf das, was gerade geschieht. Wir reagieren auf das, was unser Nervensystem darin wiedererkennt: Ein Blick. Ein Tonfall. Ein Moment von Nicht-Gesehen-Werden.

Und plötzlich sind wir nicht mehr 47, sondern vielleicht 7 Jahre alt.
Lea sagte später: „Ich weiß ja, dass er mich liebt. Aber in dem Moment fühlte ich mich so … nicht gesehen.“ Und dieses Gefühl gehört nicht zu diesem Abend. Es gehört zu früher.

Liebe ist seltsam. Sie macht uns gleichzeitig stark und unfassbar verletzbar. (KI-Bild)
Liebe ist seltsam. Sie macht uns gleichzeitig stark und unfassbar verletzbar. (KI-Bild)

 

Vielleicht zu Momenten, in denen ihre Gefühle zu viel waren. Vielleicht zu Momenten, in denen Funktionieren wichtiger war als Fühlen. Vielleicht zu Momenten, in denen ihre Mutter selbst überfordert war.

Muster, die wir nicht bewusst gewählt haben

 

Und dann sitzt da ein Mann auf dem Sofa, der eigentlich nichts Dramatisches tut. Und trotzdem schlägt das Nervensystem Alarm: Achtung: allein. Achtung: zu viel. Achtung: Sei leise.

Das Gemeine ist: Er wollte keinen Abstand, er ist nicht in die Distanz gegangen. Er wollte einfach nur selbst Ruhe. Und sie wollte keinen Streit, sie wollte einfach nur Nähe. Zwei Bedürfnisse. Zwei Schutzstrategien.

Sie kämpft um Verbindung. Er zieht sich zurück. Und beide fühlen sich missverstanden.

Wir streiten selten über das Jetzt. Wir streiten über das, was darunter liegt: Bin ich wichtig? Bleibst du da? Bin ich zu viel?

Und warum Verstehen nicht reicht

 

Viele erkennen sich hier wieder. Und trotzdem passiert es immer wieder. Weil Einsicht allein kein Nervensystem verändert. Du brauchst neue Erfahrung.

Kleine Schritte, die etwas verändern können

 

Erkenne den Moment.

Wenn du getriggert bist, halte kurz inne und frag dich:

• Was genau hat mich gerade so getroffen?
• Wie alt fühle ich mich in diesem Moment?
• Kenne ich dieses Gefühl von früher?

Der wichtigste Satz dabei ist: „Das ist nicht nur jetzt.“

Reguliere dich, bevor du reagierst.

Bevor du etwas sagst, nimm einen bewussten Atemzug. Spür deine Füße auf dem Boden. Spür deinen Körper. Denn erst wenn dein Nervensystem sich beruhigt, kannst du anders handeln.

Sprich aus dem Heute.

Statt: „Du hörst mir nie zu.“ Vielleicht: „Gerade merke ich, wie wichtig es mir ist, dass du mich anschaust.“ Das verändert nicht nur das Gespräch. Es verändert Verbindung.

Vielleicht ist das der eigentliche Wendepunkt, nicht alles sofort besser zu machen. Sondern einen Moment länger zu bleiben. Nicht sofort zu kämpfen. Nicht sofort zu fliehen, sondern zu erkennen, was wirklich gerade passiert.

Wir tragen Geschichte in uns. Und vielleicht ist Beziehung genau der Ort, an dem wir entscheiden können, wie unsere weitergeht.
Und wenn du merkst, dass dich solche Situationen immer wieder einholen: Dann geht es nicht nur um Kommunikation. Sondern um das, was darunter – aus deiner Biografie heraus – in dir wirkt.

Julia Kern-Holecki Fotografin: Athenea Diapoulihariman
Julia Kern-Holecki Fotografin: Athenea Diapoulihariman

Über die Autorin

Julia Kern-Holecki ist Coachin, Systemische Therapeutin (i.A. – DGFS) und Expertin für transgenerationale Prägungen und der Arbeit mit der Generation-Code® Methode. In ihrer Arbeit begleitet sie Einzelpersonen, Paare, Gruppen und Teams dabei, unbewusste Muster, familiäre Loyalitäten und emotionale Altlasten sichtbar zu machen und neue, selbstbestimmte Wege zu gehen.

Links 
www.julia-kern.com
https://www.coaching-magazin.de/konzepte/transgenerationales-coaching

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