Neues Cannabis-Medikament gegen chronische Rückenschmerzen
Chronische Rückenschmerzen können den Alltag erheblich beeinträchtigen – und nicht jede Behandlung bringt ausreichend Linderung. Mit einem neuen verschreibungspflichtigen Medikament auf Basis eines standardisierten Cannabisextrakts erweitert sich nun das therapeutische Spektrum. Doch wie gut ist die Wirkung tatsächlich untersucht, welche Nebenwirkungen sind bekannt und für welche Form von Rückenschmerzen wurde das Mittel entwickelt?
TL;DR: Mal zieht es im Kreuz, mal macht sich der Rücken nach einem langen Tag am Schreibtisch bemerkbar: Rückenschmerzen sind weit verbreitet. Von solchen vorübergehenden Beschwerden unterscheiden sich chronische Schmerzen jedoch deutlich. Sie können über Monate bestehen bleiben, den Schlaf beeinträchtigen und alltägliche Aktivitäten erschweren.
Besonders komplex wird die Behandlung, wenn zusätzlich Nerven an den Beschwerden beteiligt sind. Für die medikamentöse Therapie chronischer Kreuzschmerzen wurde deshalb in den vergangenen Jahren auch an cannabinoidbasierten Wirkstoffen geforscht. Einer davon ist der standardisierte Vollspektrumextrakt VER-01 aus Cannabis sativa, der inzwischen als verschreibungspflichtiges Fertigarzneimittel unter dem Namen Exilby® angeboten werden soll.
🌿 Was steckt hinter dem neuen Cannabis-Medikament?
Medizinisches Cannabis ist nicht automatisch gleichbedeutend mit Cannabisblüten. Bei dem neuen Präparat handelt es sich um ein Fertigarzneimittel auf Basis eines standardisierten Cannabisextrakts. Der darin enthaltene Extrakt wurde in den klinischen Untersuchungen unter der Bezeichnung VER-01 geprüft.
Der Unterschied ist relevant: Bei einem zugelassenen Fertigarzneimittel sind unter anderem Zusammensetzung und Herstellungsqualität definiert. Vor einer Arzneimittelzulassung müssen zudem Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit vorgelegt werden.
Nach Angaben des Herstellers richtet sich das Präparat an Menschen mit chronischen Kreuzschmerzen, bei denen zusätzlich eine Beteiligung der Nerven vorliegt. Das Medikament ist damit ausdrücklich kein Mittel gegen gewöhnliche, gelegentlich auftretende Rückenschmerzen.
🔬 Mehr als 800 Erwachsene nahmen an einer Phase-3-Studie teil
Für die Beurteilung eines neuen Medikaments sind unabhängige wissenschaftliche Veröffentlichungen besonders wichtig. Zu VER-01 liegt unter anderem eine große randomisierte und placebokontrollierte Phase-3-Studie vor, die 2025 im renommierten Fachjournal Nature Medicine veröffentlicht wurde.
Insgesamt wurden 820 Erwachsene mit chronischen Kreuzschmerzen in die Studie aufgenommen. In der zunächst zwölf Wochen dauernden doppelblinden Studienphase erhielten die Teilnehmer entweder VER-01 oder ein Placebo. Weder die Patientinnen und Patienten noch die behandelnden Personen wussten dabei, welcher Gruppe die einzelnen Teilnehmer zugeordnet waren.
Das Ergebnis: Die durchschnittliche Schmerzintensität nahm unter VER-01 stärker ab als unter Placebo. Der Unterschied zwischen den Gruppen war statistisch signifikant.
📊 Wie groß war der Unterschied tatsächlich?
Gerade bei Studien zu Schmerzmitteln lohnt sich ein genauer Blick auf die Zahlen. Denn die Aussage „wirkt besser als Placebo“ verrät zunächst noch nicht, wie groß der Unterschied tatsächlich war.
Auf einer numerischen Schmerzskala von 0 bis 10 verringerte sich die durchschnittliche Schmerzintensität in der kontrollierten Studienphase unter VER-01 stärker als unter Placebo. Der zusätzliche Unterschied zwischen beiden Gruppen lag bei ungefähr 0,6 Punkten.
Das Ergebnis war statistisch signifikant und spricht damit für einen messbaren Behandlungseffekt. Gleichzeitig zeigt die Größenordnung, warum ein neues Schmerzmedikament nicht vorschnell als „Wundermittel“ bezeichnet werden sollte. Studienwerte sind zudem Durchschnittswerte – einzelne Patientinnen und Patienten können stärker, schwächer oder gar nicht auf eine Therapie ansprechen.

🧠 Was bedeutet eine neuropathische Schmerzkomponente?
Ein Teil der Studienteilnehmer litt zusätzlich unter einer sogenannten neuropathischen Schmerzkomponente. Dabei spielen geschädigte oder gereizte Nerven bei der Entstehung beziehungsweise Weiterleitung der Schmerzen eine Rolle.
Solche Beschwerden können sich beispielsweise brennend, stechend oder elektrisierend anfühlen. Auch ausstrahlende Schmerzen können auftreten. Ob tatsächlich eine neuropathische Beteiligung vorliegt, lässt sich jedoch nicht allein anhand einzelner Symptome feststellen. Dafür ist eine ärztliche Diagnose notwendig.
In der Phase-3-Studie wurde deshalb nicht nur die allgemeine Schmerzintensität untersucht. Bei Teilnehmern mit neuropathischer Schmerzkomponente erfassten die Forschenden zusätzlich entsprechende Nervenschmerz-Symptome.
😴 Auch Schlaf und körperliche Funktion wurden untersucht
Chronische Schmerzen betreffen häufig weit mehr als die schmerzende Körperregion. Wer nachts aufgrund seiner Beschwerden immer wieder aufwacht oder bestimmte Bewegungen vermeidet, erlebt die Auswirkungen oft im gesamten Alltag.
Deshalb untersuchten die Wissenschaftler neben der Schmerzintensität weitere Faktoren. In der Studie zeigten sich unter VER-01 auch bei Schlaf und körperlicher Funktionsfähigkeit statistisch signifikante Unterschiede gegenüber Placebo.
Auch diese Ergebnisse sollten allerdings nicht als Garantie verstanden werden, dass eine Behandlung bei jedem Betroffenen Schlaf oder Beweglichkeit verbessert.
💊 Was ergab der Vergleich mit Opioiden?
VER-01 wurde außerdem in einer weiteren randomisierten Phase-3-Studie mit einer Opioidtherapie verglichen. An dieser Untersuchung nahmen 384 Menschen mit chronischen Kreuzschmerzen teil; die Behandlung wurde über sechs Monate beobachtet.
Über den gesamten Untersuchungszeitraum fiel die durchschnittliche Schmerzreduktion unter VER-01 etwas stärker aus. Der Unterschied zwischen den Behandlungsgruppen war jedoch relativ klein und sollte entsprechend zurückhaltend interpretiert werden.
Unterschiede zeigten sich auch bei den Nebenwirkungen. Insbesondere Verstopfung – eine bekannte Begleiterscheinung einer Opioidbehandlung – wurde unter dem cannabinoidbasierten Präparat seltener beobachtet.
Die Studie bedeutet jedoch nicht, dass Opioide grundsätzlich durch ein cannabinoidbasiertes Medikament ersetzt werden können. Welche Schmerztherapie medizinisch sinnvoll ist, hängt von zahlreichen individuellen Faktoren ab und gehört in ärztliche Hände.
⚠️ Cannabis bedeutet nicht automatisch „sanft“
Dass ein Wirkstoff aus einer Pflanze stammt, sagt wenig darüber aus, ob Nebenwirkungen auftreten können. Auch cannabinoidbasierte Arzneimittel können unerwünschte Wirkungen verursachen.
In den Untersuchungen zu VER-01 wurden unter anderem Schwindel, Müdigkeit, Übelkeit, Mundtrockenheit und Schläfrigkeit beobachtet. Viele der berichteten Nebenwirkungen waren leicht bis mittelschwer ausgeprägt und vorübergehend.
In den bislang veröffentlichten Untersuchungen fanden sich keine Hinweise auf Arzneimittelmissbrauch, Abhängigkeit oder Entzugssymptome. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass entsprechende Risiken für jeden Menschen und bei jeder denkbaren Anwendung grundsätzlich ausgeschlossen sind.
🌱 Fertigarzneimittel und Cannabisblüten sind nicht dasselbe
Für Patientinnen und Patienten kann die Vielzahl der Begriffe rund um medizinisches Cannabis verwirrend sein. Cannabisblüten, Cannabisextrakte, Rezepturarzneimittel und zugelassene Fertigarzneimittel sind nicht einfach austauschbar.
Bei einem Fertigarzneimittel werden unter anderem Wirkstoffzusammensetzung und Herstellungsverfahren standardisiert. Außerdem liegen für die zugelassenen Anwendungsgebiete Daten aus dem entsprechenden Zulassungsverfahren vor.
Gleichzeitig haben sich die gesetzlichen Regelungen für medizinisches Cannabis in Deutschland im Sommer 2026 verändert. Seit dem 30. Juli 2026 können getrocknete Cannabisblüten nicht mehr zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden.

📋 Neue Regeln für medizinisches Cannabis
Auch für andere cannabishaltige Arzneimittel gelten neue Vorgaben. Nach einer aktuellen rechtlichen Neubewertung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) soll bei einer erstmaligen Cannabistherapie grundsätzlich zunächst ein cannabishaltiges Fertigarzneimittel eingesetzt werden – nach Auffassung der KBV auch dann, wenn es außerhalb seines zugelassenen Anwendungsgebietes verordnet wird.
Vorgesehen ist grundsätzlich ein Therapieversuch von sechs Monaten. Erweist sich die Behandlung als unwirksam oder wird das Medikament nicht vertragen, kann die Ärztin oder der Arzt den Versuch auch vorher beenden und gegebenenfalls auf ein anderes cannabishaltiges Arzneimittel wechseln.
Für Menschen, die bereits vor der gesetzlichen Neuregelung mit bestimmten Cannabisarzneimitteln behandelt wurden, gelten teilweise andere Bestimmungen. Da außerdem Voraussetzungen für die Versorgung durch die gesetzliche Krankenversicherung bestehen, sollte die individuelle Situation immer mit der behandelnden Praxis und gegebenenfalls der Krankenkasse geklärt werden.
🩺 Was bedeutet das für Menschen mit Rückenschmerzen?
Die wichtigste Botschaft lautet zunächst: Ein neues cannabinoidbasiertes Medikament macht Cannabis nicht zu einer allgemeinen Therapie gegen Rückenschmerzen.
Rückenschmerzen können zahlreiche Ursachen haben – von muskulären Problemen über Veränderungen an Wirbelsäule und Bandscheiben bis hin zu einer Beteiligung von Nerven. Entsprechend unterschiedlich kann auch die Behandlung aussehen.
Bei chronischen Beschwerden besteht die Therapie häufig aus mehreren Bausteinen. Je nach Diagnose können beispielsweise Bewegung und Physiotherapie, medikamentöse Verfahren sowie psychologische und weitere therapeutische Maßnahmen eingesetzt werden.
Wer seit längerer Zeit unter Rückenschmerzen leidet oder bei wem bisherige Behandlungen nicht ausreichend helfen, sollte deshalb zunächst die Ursache der Beschwerden medizinisch abklären lassen. Erst anschließend lässt sich beurteilen, welche Therapie individuell infrage kommt.
✨ Eine zusätzliche Therapieoption – keine Wunderlösung
Die Forschung zu VER-01 ist interessant, weil für einen standardisierten Cannabisextrakt inzwischen Daten aus großen randomisierten Phase-3-Studien vorliegen. Die placebokontrollierte Untersuchung zeigt einen statistisch signifikanten Effekt auf die Schmerzintensität; gleichzeitig macht die Größenordnung des Unterschieds deutlich, dass die Ergebnisse sachlich eingeordnet werden sollten.
Auch die bisher bekannten Nebenwirkungen gehören zu dieser Abwägung. Wie bei anderen verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln müssen möglicher Nutzen und mögliche Risiken für jeden Patienten individuell beurteilt werden.
Für Menschen mit bestimmten Formen chronischer Rückenschmerzen bedeutet die Entwicklung daher vor allem eines: Die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten werden um eine weitere Option ergänzt. Welche davon die richtige ist, entscheidet sich jedoch nicht anhand eines einzelnen Studienergebnisses, sondern gemeinsam mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt. 🌿
📚 Quellen
- Karst M., Meissner W., Sator S. et al.: Full-spectrum extract from Cannabis sativa DKJ127 for chronic back pain: a randomized, placebo-controlled phase 3 study. Nature Medicine 31, 4189–4196 (2025). DOI: 10.1038/s41591-025-03977-0.
- Meissner W., Argoff C., Sator S. et al.: VER-01 shows enhanced gastrointestinal tolerability, superior pain relief, and improved sleep quality compared to opioids in treating chronic low back pain: a randomized phase 3 clinical trial. Pain and Therapy (2025). DOI: 10.1007/s40122-025-00773-z.
- Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV): Informationen zu Cannabisarzneimitteln und den seit 30. Juli 2026 geltenden Verordnungsregelungen; aktueller Stand August 2026.
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltenden oder starken Rückenschmerzen sollte ärztlicher Rat eingeholt werden.
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