Ich wollte nur kurz produktiv sein. Jetzt rette ich wieder meine ganze Familie. Ist das Ehrgeiz oder ein Erbstück?
Warum fühlen sich Pausen manchmal falsch an – selbst wenn niemand etwas von uns verlangt?
Warum übernehmen wir Verantwortung, die gar nicht ausgesprochen wurde? Und warum wirkt Leistungsbereitschaft oft wie unsere selbstverständlichste Eigenschaft?
In der HerLifestyle-Kolumne "Schatz, das kommt von früher." verbindet Coachin, systemische Therapeutin (i.A. – DGSF) und Generation Code®-Expertin Julia Kern-Holecki psychologisches Wissen mit ehrlichen Momentaufnahmen aus dem Alltag. Diesmal geht es um Überverantwortung – und um die Frage, ob unser Ehrgeiz wirklich unserer ist.
Denn was wie Disziplin oder Stärke aussieht, kann ein altes Schutzprogramm sein: transgenerationale Prägungen, epigenetische Spuren und Loyalitäten, die uns geprägt haben und die wir heute bewusst hinterfragen dürfen.
Psychologie, die berührt. Geschichten, die bleiben. Impulse, die etwas verändern dürfen.

von Julia Kern-Holecki
Julia Kern-Holecki ist Coachin, Systemische Therapeutin (i.A. – DGFS) und Expertin für transgenerationale Prägungen und der Arbeit mit dem Generation-Code Methode. In ihrer Arbeit begleitet sie Einzelpersonen, Paare, Gruppen und Teams dabei, unbewusste Muster, familiäre Loyalitäten und emotionale Altlasten sichtbar zu machen – und neue, selbstbestimmte Wege zu gehen. Als HER-Kolumnistin verbindet sie ihr therapeutisches Wissen mit echten Geschichten aus dem Leben.
- Morgen zwischen Effizienz und Erschöpfung
- Kennst du dieses Gefühl auch, dir Pausen erst verdienen zu müssen?
- Klingt richtig stark, oder?
- Mini-Selbsttest: Vielleicht ist es keine Top Performance, sondern Überverantwortung
- Über die Autorin
Im zweiten Teil der Kolumne erzählt Generation Code®-Expertin Julia Kern-Holecki von einem frühen Morgen auf dem Sofa und davon, wie sich hinter Ehrgeiz und Verantwortungsgefühl oft eine alte Familiengeschichte verbirgt. Eine persönliche Reflexion über Überverantwortung, Prägungen und neue Wahlfreiheit.
Morgen zwischen Effizienz und Erschöpfung
Wenn Produktivität zur Pflicht wird
TL;DR: Ich erlebe den Morgen zerrissen zwischen Ehrgeiz, reiner Produktivität und dem Gefühl, immer funktionieren zu müssen. Der ewige Spagat – ist das mein eigener Antrieb oder ein Erbstück aller Frauen vor mir?

Morgens 6:10 Uhr in Deutschland – Köln. Zweiter Kaffee, Sofa und Laptop auf den Knien. Die Wohnung schläft noch und mein Mann auch. Meinen innerlichen Neid darüber unterdrücke ich. Nur ich bin wach und mein Bildschirm. Dieses leicht bläuliche Bildschirmlicht, das so tut, als wäre es mein persönlicher Sonnenaufgang. Romantischer wird mein Morgen heute nicht mehr.
Ich bin wegen meiner Prämeno – wie jeden Morgen – mal wieder früh wach. Aber hey – relativ praktisch eigentlich, oder? Dann kann ich wenigstens ordentlich was wegschaffen.
Eine Klientin hat abgesagt. Eigentlich könnte ich laufen gehen. Atmen oder Sport machen. Meditieren, mich nochmal ins Bett einkuscheln … Aber nein. Stattdessen überarbeite ich meine Website, formuliere Texte um, schreibe und optimiere Konzepte, bespiele meine Social-Media-Kanäle, mache neue Pläne – als hinge mein Leben davon ab, noch effizienter zu werden.
Niemand verlangt das von mir – wirklich niemand. Und trotzdem fühlt es sich an, als dürfte ich jetzt noch nicht raus. Erst wenn alles fertig ist. Meine Erschöpfung schiebe ich einfach weiter auf die Prämenopause. Hormone sind dankbare Sündenböcke. Vor allem mit fast 48 Jahren. Die können sich ja nicht wehren.
Und dann sitze ich plötzlich da und denke: „Was mache ich hier eigentlich?“ Und wenn ich noch ehrlicher bin: Warum tue ich mir das an? Vor allem höre ich ja nicht um 15 Uhr auf.
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Kennst du dieses Gefühl auch, dir Pausen erst verdienen zu müssen?
Beruflich rede ich täglich über Muster, über Prägungen, Loyalitäten und über Familiengeschichten. Über das, was wir weitertragen, ohne es zu merken.
Und bei mir selbst? Da setze ich mich einfach auf meinen blinden Fleck. Sitzt sich ganz gut dort. Muss ich nichts ändern und nichts reflektieren. Ich denke dann einfach: „Ach komm schon, Julia.“ Du bist halt ehrgeizig und diszipliniert (sagen zumindest meine Eltern, mein Ex-Chef, mein Mann, meine engsten Freunde – ich finde das ja eigentlich nicht). Ich sage mir eher: Du liebst Wirksamkeit. Du bist einfach ein Macher-Typ. Und dann sage ich noch: „Nicht jedes Verhalten ist gleich ein Familiendrama.“
Das stimmt alles. Und trotzdem …
Wenn ich morgens nicht spätestens 15 Minuten nach dem Aufwachen am Rechner sitze, werde ich unruhig. Oder ist es vielleicht Nervosität?
Und da merke ich: Das ist nicht nur eine Charaktereigenschaft. Mein Körper und mein Nervensystem sprechen mit mir. Beide sind schneller als jede Theorie.
Herzklopfen, innere Unruhe, ein Kiefer wie Beton – kennst du das auch, dass dein Körper längst redet und redet, bevor dein Kopf überhaupt eine Idee von den Symptomen hat?
In der Psychoanalyse gibt es diesen alten, sehr treffenden Begriff der Gefühlserbschaft. Wir erben eben nicht nur Omas Porzellanservice, sondern manchmal auch ihre Angst. Nicht nur die Augenfarbe vom Opa, sondern auch das, was sein Überleben gesichert hat: „Du musst immer funktionieren.“
Krieg, Flucht, Verlust, Existenzangst – all das verschwindet nicht einfach. Es lebt weiter. In Haltungen, in Glaubenssätzen, im Nervensystem und im Körper.
Und dann gibt es da noch diese Forschung, die ich unfassbar faszinierend finde: die Epigenetik. Sie sagt im Grunde: „Unser Körper vergisst nichts.“ Extreme Erfahrungen hinterlassen Spuren auf unseren Genen. Wie kleine Notizzettel im System. „Achtung, Gefahr.“ Oder eben: „Alles sicher.“ Und manchmal werden diese Zettel per Copy-and-paste einfach weitergegeben.
Als meine Großmutter mit meiner Mutter schwanger war, waren in diesem Embryo bereits alle Anlagen für meine DNA angelegt. Also genetisch: drei Generationen in einem Körper. Wenn ich mir das immer wieder bewusst mache und wirklich sacken lasse, wundert einen eigentlich gar nichts mehr.
Wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, weiß ich ziemlich genau, was mich morgens um sechs an den Rechner fesselt. Meine Großmutter: Flucht, Neubeginn, Existenzangst. Meine Mutter: zwei Jobs, immer stark, immer zuerst alle anderen. Pause war Luxus. Mein Großvater verlor zweimal alles. Einmal im Krieg, einmal durch Krankheit. Zweimal finanzieller Ruin.
Und ich? Ich sitze morgens um sechs auf dem Sofa und arbeite, als wäre ich persönlich verantwortlich für den finanziellen Fortbestand der gesamten Ahnenreihe.
Diese Überverantwortung sieht dabei übrigens erstaunlich gut aus. Sie wirkt zuverlässig, leistungsfähig und sagt: „Ich krieg das hin – immer.“ Und sie sagt: „Geht nicht, gibt’s nicht.“ Menschen mit Überverantwortung funktionieren hervorragend.

Klingt richtig stark, oder?
Ist aber oft eine alte und manchmal für uns selbst limitierende Überlebensstrategie. Viele tragen Verantwortung buchstäblich auf den Schultern. Unsere Rücken, Nacken und Kiefer, kennen unsere komplette Familiengeschichte. Sie tragen sie mit.
Ich mag keine einfachen Antworten. Und ich will ganz sicher nicht sagen: „Meine Gene sind schuld.“ Das wäre zu bequem. Aber zu behaupten, wir würden alle bei null starten, ist genauso naiv. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen: Ja, wir haben Muster übernommen. Ja, sogar körperlich. Und ja: Wir können sie verändern.
Nicht: „So bin ich halt.“ Sondern: „Ah. Daher kenne ich das. Und jetzt will ich es anders.“
Während ich diesen Text hier schreibe – übrigens seit kurz vor sechs – sitze ich auf meinem Sofa, habe den Laptop auf den Knien und trinke meinen zweiten Kaffee.
Aber aktuell ist etwas anders: Der Duftdiffuser läuft mit meinem Lieblingsduft. Gleich klappe ich den Laptop zu und gehe spazieren. Danach koche ich mir etwas Warmes.
Nicht, weil alles erledigt ist. Sondern weil ich es will und mir erlaube. Und vor allem, weil ich niemanden retten muss.
Mini-Selbsttest: Vielleicht ist es keine Top-Performance, sondern Überverantwortung.
Nur zum Ausprobieren. Nicht schönreden. Einfach innerlich nicken oder nicht:
Emotional:
- Fühlst du dich oft grundangespannt oder innerlich wachsam?
- Hast du schnell ein schlechtes Gewissen?
- Bist du erschöpft, obwohl „eigentlich alles läuft“?
- Bist du immer erreichbar – nur nicht für dich selbst?
Körperlich
- Nacken oder Schultern ständig verspannt?
- Kannst du selten richtig runterfahren?
- Futterst du dir ein dickes Fell an?
- Schläfst du immer wieder nicht durch oder schlecht ein?
Alltag
- Übernimmst du oft zu viel – Arbeit, Familie, Freunde?
- Denkst du: Wenn ich es nicht mache, macht es keiner richtig?
- Fällt dir Delegieren und Abgeben schwer?
- Sagst du öfter „Ja“, obwohl deine To-do-Liste überfüllt ist?
- Bist du eigentlich immer erreichbar – nur für dich selbst nicht?
Wenn du öfter genickt hast, als dir lieb ist, könnte das kein Charakterzug sein – sondern ein altes Muster. Eines, das dich oder deine Familie mal geschützt hat. Und dich heute müde macht.
Im nächsten Teil erzähle ich dir, warum diese alten Programme besonders laut werden, wenn wir lieben. Warum Partner perfekt wissen, welche Trigger-Knöpfe zu drücken sind. Und was kindliche Bedürfnisse mit unserer Partnerwahl zu tun haben. Lea kommt auch wieder vor.
Und ja – der Ahnenkram bleibt. 😉

Über die Autorin
Julia Kern-Holecki ist Coachin, Systemische Therapeutin (i.A. – DGFS) und Expertin für transgenerationale Prägungen und der Arbeit mit der Generation-Code® Methode. In ihrer Arbeit begleitet sie Einzelpersonen, Paare, Gruppen und Teams dabei, unbewusste Muster, familiäre Loyalitäten und emotionale Altlasten sichtbar zu machen und neue, selbstbestimmte Wege zu gehen.
Links
www.julia-kern.com
https://www.coaching-magazin.de/konzepte/transgenerationales-coaching
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